Im ersten Teil dieser Serie haben wir den Heave kennengelernt – den ersten Impuls, der den Rückschwung einleitet und alle Muskelbewegungen miteinander verbindet. Mit einem kraftvollen Heave verlagert sich das Gewicht auf den hinteren Fuß, und die Arme schwingen mühelos in die Endposition des Rückschwungs.
Doch was passiert danach? Genau hier trennt sich ein kraftloser, präziser Gravity-Schwung von dem, was die meisten Golfer täglich auf der Range üben. Die Antwort steckt in einer Bewegung, die zunächst unintuitiv klingt: dem Counterfall.
Was ist der Counterfall?
Stell dir vor, du kippst ein volles Ölfass. Du schiebst es nicht gerade nach vorne – du neigst es zunächst zur Seite, sodass es auf seine Kante kippt, und nutzt dann die Schwerkraft, um es zu bewegen. Genau dieses Prinzip steckt hinter dem Counterfall im Golfschwung.
Noch bevor die Schultern den Rückschwung vollständig abgeschlossen haben, beginnt das Gewicht bereits wieder nach vorne zu wandern – auf den linken Fuß (für Rechtshänder). Wenn das Gewicht dort ankommt, prallt es leicht gegen das linke Bein und wird in eine Gegenfallbewegung umgelenkt. Diese Bewegung nennt David Lee den „Counterfall".
Der Counterfall verläuft auf einem Vektor, der etwa 70 Grad links der Ziellinie liegt – nicht gerade nach vorne, sondern seitwärts-weg. Diese schräge Gegenbewegung ist das Gegengewicht zu den Armen und dem Schläger im Abschwung.
Warum braucht der Golfschwung ein Gegengewicht?
Das klingt vielleicht nach Physik – weil es Physik ist. Unsere Arme wiegen im Durchschnitt rund elf Kilogramm. Im Abschwung beschleunigen diese elf Kilogramm plus Schläger in Richtung Ball. Diese Masse zieht den Körper unweigerlich nach vorne und aus dem Gleichgewicht – wenn man sie nicht ausgleicht.
Ein Blick auf den Hammerwurf macht das besonders deutlich. Hammerwerfer müssen sich während der Rotation um etwa 40 Grad aus der Senkrechten lehnen, um nicht vom Gewicht des Hammers nach vorne gerissen zu werden. Ihr Körper ist das Gegengewicht zum Hammer. Ohne diese Gegenbewegung wären sie nach dem ersten Wurf auf dem Boden.
Der Golfschwung ist eine verkleinerte Version des Hammerwurfs. Der Counterfall ist dein Gegengewicht – ohne ihn verlierst du die Kontrolle über deine Drehachse.
Genau das passiert im Golfschwung ohne Counterfall: Der Körper kippt nach vorne, die Schwungachse verschiebt sich, und das Gehirn versucht mit Armkraft zu retten, was physikalisch nicht mehr zu retten ist.
Je tiefer der Counterfall, desto weniger Kraft brauchst du
Das ist vielleicht die überraschendste Erkenntnis der Gravity Golf Methode: Je tiefer du dich in den Counterfall bewegst – je früher und weiter du dich in diese Gegenfallbewegung lehnst – desto weniger Kraft brauchst du, um deinen Körper durch die Impact Zone zu drehen.
Warum? Weil du in diesem Fall deine rotierende Körpermasse als Motor nutzt, nicht deine Armmuskeln. Du schleudert die Arme und den Schläger durch die Drehung – anstatt sie mit Kraft nach unten zu ziehen. Das Ergebnis: mehr Schwunggeschwindigkeit mit weniger Aufwand, und eine perfekte Kompression des Balls im Treffmoment.
Heave: Der erste Impuls bringt Körper und Arme als eine Einheit in den Rückschwung. Das Gewicht verlagert sich auf den hinteren Fuß.
Gewichtsverlagerung nach vorne: Noch vor dem Ende des Rückschwungs beginnt das Gewicht bereits wieder nach vorne zu wandern – auf den vorderen Fuß.
Counterfall: Das Gewicht prallt leicht gegen das vordere Bein und wird seitwärts-weg umgelenkt – etwa 70 Grad links der Ziellinie. Der Körper lehnt sich in diese Gegenfallbewegung.
Freier Abschwung: Die Arme fallen durch die Schwerkraft nach unten. Der Körper dreht frei zum Ziel. Kein Ziehen, kein Drücken – nur Rotation.
Warum der Counterfall den Slice beendet
Der Slice ist das häufigste Problem im Golf – und gleichzeitig eines der am besten verstandenen, wenn man die Physik kennt. Fast jeder Slice entsteht durch dieselbe Ursache: Der Abschwung kommt von außen nach innen. Der Schläger trifft den Ball nicht von innen, sondern schneidet von außen über ihn hinweg.
Und warum kommt der Abschwung von außen? Weil der Counterfall fehlt oder zu flach ist. Wenn du dich nicht tief genug in die Gegenfallbewegung lehnst, zieht das Gewicht der Arme den Oberkörper nach vorne. Die Schultern kippen über den Ball, und der Schläger muss zwangsläufig von außen kommen – es gibt physikalisch keinen anderen Weg.
Kein Counterfall → Oberkörper kippt nach vorne → Schultern drehen über den Ball → Abschwung von außen nach innen → Slice.
Mit Counterfall → Körper dreht um eine stabile Achse → Schläger kommt von innen → gerader, kraftvoller Schlag.
Das erklärt auch, warum tiefe Divots und ein fehlendes Finish so häufig beim Slice auftreten: Der Körper kippt nach vorne, der Schwung endet abrupt, das natürliche Follow-Through ist blockiert.
Wie du den Counterfall trainierst
Den Counterfall zu spüren ist zu Beginn ungewohnt. Die meisten Golfer haben gelernt, den Körper aufrecht zu halten – und der Counterfall fühlt sich zunächst nach dem Gegenteil an. Aber genau das macht ihn so wirksam.
Eine der effektivsten Übungen aus dem Gravity Golf System ist die Kreuzfußübung. Sie zwingt den Körper, die Gegenfallbewegung zu erzeugen, ohne dass man aktiv daran denken muss. In einem der nächsten Beiträge werde ich diese Übung Schritt für Schritt erklären.
Was du schon heute ausprobieren kannst: Stelle dich ohne Schläger hin und wirf einen imaginären schweren Ball weit nach links-hinten weg. Spür, wie dein Körper automatisch in eine Gegenbewegung geht – dein rechtes Bein hebt sich, dein Oberkörper lehnt sich nach links. Dieses Gefühl ist der Counterfall.
Den Counterfall live erleben
In einem Workshop oder einer Einzelstunde erarbeitest du Heave und Counterfall gemeinsam – mit sofortigem Feedback und Drills, die du direkt zu Hause weiterüben kannst.
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